Die erste Moderation: Wie ein Sprung ins kalte Swimmingpool

Wie fühlt es sich an, als Anfänger eine Diskussion zu moderieren?

 
Der erste Auftritt tut immer weh. Das gilt auch für’s Moderieren. Ich traue mich, eine politische Diskussion über ein europapolitisches Thema zu leiten. Eines meiner Jahresziele lautet: mehr aus der eigenen Komfortzone heraustreten. Was kann es da besseres als eine Moderation geben?
 

Auf dem Podium werden zwei Diskutanten sitzen, die im politischen Berlin arbeiten. Sie als rechtspolitische Sprecherin eines Verbandes, er als Berater in einer Lobbyagentur. Das Veranstaltungsformat heißt Berliner Pub Talk, auf dem Panel sitzen immer zwei Experten, zwei weitere Stühle sind für Gäste aus dem Publikum reserviert. Im Idealfall kommt auf der Bühne eine rege Diskussion zwischen Publikum und Experten zustande.
 
Ich habe mich informiert, was ein Moderator können muss. Vier Punkte sind hängen geblieben:

  • Recherche: das Thema der Diskussion inhaltlich so durchdringen, dass ich vom Publikum und den Diskutanten als kompetent wahrgenommen werde;
  • Präsenz: die Fähigkeit, sich nur auf den Inhalt und Ablauf der Diskussion zu konzentrieren und alle Nebengeräusche auszublenden;
  • Durchsetzungskraft: Panelteilnehmer bei Bedarf unterbrechen und deutlich machen, dass jetzt jemand anderes an der Reihe ist;
  • Neutralität: nicht preisgeben, was die eigene Position zum diskutierten Thema ist;

Die Stunden vor Veranstaltungsbeginn

Am Tag der Moderation spüre ich mehr Druck als sonst. Ich merke, dass heute etwas Unbekanntes, möglicherweise Gefährliches ansteht. Ich habe schon viele Reden gehalten, aber eine Moderation ist etwas Neues. Wird es mir gelingen, die Moderation zu lenken? Habe ich die Durchsetzungskraft, um die Panelteilnehmer zu unterbrechen, wenn sie zu lange sprechen? Wird das Publikum mit meiner Leitung zufrieden sein? Bedenken sind heute ein ständiger Begleiter.
 

Small Talk hilft gegen Lampenfieber

Meine Anspannung wird geringer, als ich den Veranstaltungsort erreiche und ein paar Sätze mit Freunden wechsele. Small Talk ist ein guter Weg, um die Aufmerksamkeit vom Lampenfieber wegzulenken und lockerer zu werden. Mir hilft es auch, mich für einige Momente auf meinen Atem zu konzentrieren.
Was sind neben den Redekarten die wichtigsten Werkzeuge eines Moderators? Wasser und Timer! Beides steht auf meinem Moderationstisch. Ich freue mich darauf, wenn nach der Moderation der ganze Druck wie ein riesiger Fels von meiner Schulter purzeln wird. Doch jetzt geht es los.
 

Unterbrechen ist ungewohnt – aber notwendig

Ich erkläre den Ablauf der Veranstaltung, stelle die Panelteilnehmer vor und führe das Thema kurz ein. Dann lege ich mit meinen Fragen los. Mir fällt es schwer, einzuschätzen, ob ein Diskutant zu lange spricht und ich ihn unterbrechen sollte.Alexander Schröder moderiert eine Veranstaltung des Berliner Pub Talk
Außerdem stehe ich mit mir selbst in Konflikt, da ich es unhöflich finde, Menschen zu unterbrechen. So nehme ich in mir verschiedene Stimmen wahr: „Unterbreche ihn jetzt“; „Er ist gleich von alleine fertig“. Heute weiß ich, dass der erste Impuls zum Unterbrechen meist der richtige ist. Lieber zu früh unterbrechen als zu spät! Auch im eigenen Interesse: Wenn ich mit meinen Impulsen kämpfe und den perfekten Zeitpunkt zum Unterbrechen suche, kann ich mich nicht mehr auf den Inhalt der Diskussion konzentrieren. Ich habe als Moderator aber die Aufgabe, Verständnisfragen zu stellen, wenn eine Aussage nicht klar ist. Und lange Redebeiträge für das Publikum zusammenzufassen. Diesen Aufgaben kann ich nur gerecht werden, wenn ich der Diskussion inhaltlich folge.
 

Das Zeitgefühl schwindet

Ich verliere während der Moderation jegliches Zeitgefühl – und bin überrascht, als die für die Veranstaltung angesetzte Stunde vorbei ist. Ich habe während der Diskussion kaum auf den Timer geschaut. Dabei ist die Uhr bei einer Moderation so wichtig wie der Höhenmesser beim Fallschirmspringen: Sie zeigt mir an, wann ich mich auf mein Diskussionsziel zubewegen muss, und wann ich mich für die Landung – die Schlussworte – bereit machen sollte.
Ich stelle zwei resümierende Abschlussfragen und schließe die Diskussion. Puh – das war aufregend und ein hartes Stück Arbeit. Ein kühles Blondes als Belohnung habe ich mir redlich verdient.
 

Diese Erkenntnisse hat mir meine erste Moderation gebracht:

  • Es hilft, kurz vor der Moderation ein paar auflockernde Gespräche mit Freunden zu führen oder sich auf den Atem zu konzentrieren. Das lenkt von der Nervosität ab.
  • Der erste Impuls zum Unterbrechen ist meist der Richtige; lieber einmal zu viel unterbrechen als einmal zu wenig.
  • Als Moderator sollte ich mir Mühe geben, der Diskussion inhaltlich genau zu folgen; wenn ich etwas nicht verstanden habe, geht es dem Publikum wahrscheinlich genauso, deshalb frage ich nach. Lange Redebeiträge fasse ich zusammen.
  • Ich behalte die Uhr im Blick, damit ich die Diskussion pünktlich zu einem guten Abschluss führen kann.

Ich kann jedem empfehlen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und zu moderieren. Für mich war es eine tolle Lernerfahrung.

 
Foto: Andrea Tschammer

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