Lampenfieber überwinden durch Perspektivwechsel

Was bringen Perspektivwechsel?

Auch Erfolgsmenschen haben Zeiten durchlebt, in denen nicht alles wie am Schnürchen lief. Der Schauspieler George Clooney ist da keine Ausnahme.
 
Am Anfang seiner Karriere wurde er von großen Filmstudios reihenweise abgelehnt. Er schaffte es einfach nicht, die Filmproduzenten von seinen schauspielerischen Fähigkeiten zu überzeugen. Um das Ruder irgendwie rumzureißen, beschloss er, seine Perspektive radikal zu ändern. Er legte innerlich die Rolle als Bittsteller ab und übertrug sie auf die Produzenten.
 
„Ich bin genau der, den die Produzenten suchen“ – mit dieser Einstellung ging er ab sofort in jedes Vorsprechen. In seiner eigenen Wahrnehmung hatte er sich vom Bittsteller zu einem gefragten Schauspieler gewandelt. Jeder weiß, welch fabelhafte Karriere er hingelegt hat. Ob der Perspektivwechsel dafür ausschlaggebend war?

Betrachte dein Lampenfieber in einem neuen Licht.

Redeangst ist eine Realität, die du akzeptieren musst. Wenn du dich für dein Lampenfieber schämst oder innerlich dagegen ankämpfst, wird es nur noch stärker. Du kannst jedoch deine innere Einstellung ändern. Welche Perspektivwechsel bringen dich weiter?
 
Alte Perspektive: Lampenfieber gefährdet meinen Redeerfolg.
Neue Perspektive: Durch Lampenfieber werde ich erst richtig gut.
 
Bei einer Sache sind sich alle Rhetorikexperten einig: Wenn ein Redner während eines Auftritts überhaupt keine Anspannung spürt, wird er höchstens eine mäßige Leistung abliefern.
Betrachte Redeangst als eine Energie, die dich zu Höchstleistungen anspornt.
Wenn wir Angst haben, stellt sich der berühmte Tunnelblick ein: Unsere ganze Energie fließt in die Überwindung dessen, was unsere Angst ausgelöst hat. Alles andere tritt in den Hintergrund und wird unbedeutend. Dadurch werden wir in die Lage versetzt, Höchstleistungen zu bringen.
Klar, wenn deine Redeangst völlig außer Kontrolle gerät, kann es zu negativen Begleiterscheinungen wie Blackouts oder Stimmversagen kommen. Doch ein Mindestmaß an Nervosität wird einen positiven Einfluss auf deine Rede haben. Betrachte dieses Kribbeln im Bauch von nun an als etwas Gutes.
 
Alte Perspektive: Ich will dem Publikum beweisen, dass ich gut bin.
Neue Perspektive: Ich mache dem Publikum mit meiner Rede ein Geschenk.
 
Wie fühlst du dich, wenn du spürst, dass dich jemand unbedingt beeindrucken will? Ich vermute, dass dir das nicht besonders gefällt. Genauso wenig wird das Publikum Redner mögen, die unbedingt beeindrucken wollen. Befreie dich von diesem Leistungsdruck und betrachte deinen Vortrag als Geschenk. Du musst dem Publikum nichts beweisen – du willst es mit deinen ganz persönlichen Ansichten beschenken. Was ist, wenn manchen Zuhörern deine Ansichten nicht gefallen? Schwamm drüber, sie können selbst entscheiden, ob sie dein Geschenk annehmen wollen. Ein Redner hat nicht die Aufgabe, es allen Recht zu machen.
 
Alte Perspektive: Die Zuhörer sind kritisch und erwarten eine gute Leistung.
Neue Perspektive: Die Zuhörer sind meine Freunde und wünsche sich meinen Erfolg.
 
Es steht dir offen, das Leben als harten Konkurrenzkampf zu begreifen, bei dem es nur Gewinner und Verlierer geben kann.
 
Du kannst das Leben aber auch im Geiste des Buddhismus betrachten: Alle Lebewesen sind miteinander verbunden und beschreiten einen gemeinsamen Weg. Mit welcher Sichtweise geht es dir besser?
 
Es steht dir ebenso offen, wie du das Publikum betrachtest. Du kannst es als kritischen Haufen wahrnehmen, der nur auf Fehler von dir wartet. Oder du änderst deine Perspektive und siehst in deinen Zuhörern eine Gruppe von Freunden, die sich wünscht, dass du erfolgreich bist. Welcher Blickwinkel ist nun näher dran an der Realität? Das kann niemand objektiv beurteilen. Wähle einfach die Perspektive, welche zu deinem Redeerfolg beiträgt.
 
Es gibt auch Menschen, die unter hartem Konkurrenzkampf oder vor einem feindseligen Publikum florieren. Der ehemalige Nationaltorhüter Oliver Kahn bestritt einige seiner stärksten Spiele, nachdem er vom Publikum mit Bananen beworfen worden war. Für Menschen mit Lampenfieber dürfte die Vorstellung von einem wohlwollenden Publikum jedoch erfolgsversprechender sein.
 
Alte Perspektive: Beim Vortrag geht es um alles oder nichts.
Neue Perspektive: Der Vortrag ist ein Baustein von vielen.
 
Wenn du deiner Rede eine extrem hohe Bedeutung beimisst, setzt du dich selbst unter lähmenden Erfolgsdruck. Ein bisschen Druck schadet nicht – es ist die Dosis, die das Gift macht. Ändere deine Perspektive und betrachte deinen nächsten Vortrag als einen Baustein von vielen. Ein Scheitern wäre nicht schön, aber auch kein Weltuntergang. Um diese neue Perspektive zu verinnerlichen, kannst du dir vor der nächsten Rede die folgenden Fragen stellen:

  • Welche Bedeutung hat der Vortrag in zehn Tagen?
  • Welche in zehn Wochen?
  • Welche in zehn Jahren?

Meistens wirst du zu dem Schluss kommen, dass sich die Bedeutung deiner Rede in Grenzen hält. Begreife deinen Vortrag also als Chance und nicht als harte Prüfung. Das wird dir die Last von den Schultern nehmen.
 
Alte Perspektive: Ich trage die volle Verantwortung für das Gelingen.
Neue Perspektive: Ich bereite mich optimal vor – und gebe anschließend einen Teil der Verantwortung ab.
 
Jeder gute Coach wird dir sagen, dass du selbst für dein Leben verantwortlich bist. Nur wenn wir selbst das Steuerrad des Lebens in die Hand nehmen und unseren Kurs bestimmen, kann sich etwas ändern. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, ein bisschen Verantwortung abzugeben. Das gilt auch für das Redenhalten.
 
Wenn du dich sorgfältig vorbereitet hast, ausgeschlafen bist und rechtzeitig am Veranstaltungsort erschienen bist, hast du alles getan, was in deiner Macht steht. Gib während deines Auftritts dein Bestes – und gib die Verantwortung für das Gelingen ein Stück weit ab. An wen kannst du sie abgeben? An Gott, das Schicksal, das Universum – du entscheidest! Wenn du mit dieser Einstellung an die Herausforderungen des Lebens herangehst, bist du viel entspannter.
 
Alte Perspektive: Niederlagen machen mich fertig.
Neue Perspektive: Rückschläge machen mit besser.
 
Niederlagen gehören zum Leben dazu wie zirpende Grillen zu einem lauen, italienischen Sommerabend. Wenn du in deinem Leben noch keine herben Niederlagen einstecken musstest, hast du wahrscheinlich einfach noch nicht genug ausprobiert.
 
Steve Jobs wurde 1985 bei Apple gefeuert. Der Erfinder Elon Musk wurde aus seinem ersten Milliarden-Dollar Unternehmen, das heutig Paypal, als CEO herausgedrängt. Winston Churchill, dessen Leben sowohl von schweren Niederlagen als auch von großen Siegen geprägt war, soll einst gesagt haben: „Erfolg ist, von Niederlage zu Niederlage zu gehen ohne den Enthusiasmus zu verlieren.“
 
Aus Fehlschlägen lernt man in der Regel mehr als aus Erfolgen, deshalb solltest du auch in einer verkorksten Rede das Positive sehen. Dein Publikum wirkte während des gesamten Vortrags gelangweilt? Dann weißt du jetzt, dass du künftig unterhaltsamer vortragen musst. Du hattest einen Blackout? Dann weißt du jetzt, dass du dir mehr Gelegenheiten zum Üben schaffen musst. Die Technik hat nicht funktioniert? Dann weißt du jetzt, dass du vorab alles genau prüfen musst.
 
Alte Perspektive: Kleine Missgeschicke zerstören den Gesamteindruck.
Neue Perspektive: Kleine Missgeschicke lassen mich sympathisch wirken.
 
Selbst wenn du perfekt vorbereitet bist, können dir kleine Missgeschicke unterlaufen. Du kannst auf dem Weg zur Bühne stolpern, dir können die Karteikarten aus der Hand fallen, vielleicht unterläuft dir ein peinlicher Versprecher.
 
Wird dadurch der Gesamteindruck zerstört? Es kommt darauf an. Wenn du als fähig wahrgenommen wirst, können kleine Missgeschicke sogar von Vorteil sein. Psychologen haben anhand einer Studie herausgefunden, dass als kompetent wahrgenommene Menschen sympathischer wirken, wenn ihnen ein kleines Missgeschick unterläuft. Sie bezeichnen dieses Phänomen als „Pratfall Effekt“ („pratfall“ bedeutet „Reinfall“). Du hast also allen Grund, entspannt zu bleiben, wenn bei einem sonst guten Auftritt mal etwas schiefläuft. Solltest du jetzt gezielt kleinere Missgeschicke forcieren, damit du sympathischer wirkst? Ich würde davon abraten, denn das Publikum wird spüren, wenn deine Fehler nicht echt sind. Es will einen authentischen Redner, keinen Schauspieler.
 
Alte Perspektive: Gute Redner werden geboren.
Neue Perspektive: Gute Redner werden gemacht.
 
Vielleicht hast du erkannt, dass dieser Perspektivwechsel auf einem bekannten Zitat beruht. Der römische Philosoph Cicero sagte einmal: „Dichter werden geboren, Redner werden gemacht.“ Leider trifft man immer wieder Leute, die über sich selbst sagen, sie hätten für irgendetwas kein Talent. Häufig dient dies als Ausrede, um gar nicht erst mit einer bestimmten Aktivität anzufangen. Klar, nicht jeder kann Fußballprofi, Opernsängerin oder Topmodel werden. Ich würde aber behaupten: Fast jeder kann ein guter Redner werden.
 
Es gibt ohne Zweifel Menschen, die schwierige Voraussetzungen haben. Dazu möchte ich dir eine kurze Geschichte erzählen. An einem meiner Unikurse nahm eine Frau teil, die unter einer seltenen hormonellen Störung litt. Nervosität führte bei ihr zu schweren körperlichen Symptomen wie Atembeschwerden und Ausschlag. Sie war sehr gebildet und gut artikuliert, nichts deutete auf ihr schwieriges Schicksal hin.
 
Als sie einen Vortrag hielt, der zu den Kursanforderungen zählte, setzte ihre Stimme aus und sie bekam kein einziges Wort heraus. Sie verließ daraufhin für ein paar Momente den Raum. Natürlich waren alle Studenten ziemlich verdutzt und fragten sich, was da gerade vor sich ging.
Nachdem sie wieder reingekommen war, erzählte sie allen anwesenden Personen von ihrer Störung und setzte den Vortrag einfach fort. Am Ende hatte sie großen Respekt gewonnen, weil jeder wusste, dass sie eine schwierige Situation gemeistert hatte. Dieser Fall zeigt mal wieder: Es kommt nicht darauf an, dass wir Schwächen haben, sondern wie wir damit umgehen.
 
Wenn selbst ein Mensch mit so schwierigen Voraussetzungen einen Vortrag meistern kann, dann wirst du es ohne Frage auch können! Lass dir also von niemandem erzählen, du hättest nicht das Zeug, um ein guter Redner zu werden. Und rede es dir bitte auch nicht selbst ein.

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